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Wenn der Sommer den Herbst einlädt

Ornithologie vom

Rotmilane segeln über Stoppelfelder, unentschlossen oder gelassen, in kleinen und großen Kreisen, richtungslos. Turmfalken laufen, rennen und springen auf dem Stoppelacker umher, auf der Jagd nach Käfern und Schnaken. Sie tragen noch ihr Jugendkleid. Es ist ein Spiel, mehr Spaß als Ernst, ein Zeitvertreib, der den Magen füllt. Noch sind es Käfer und Heuschrecken, in ein paar Monaten müssen es Mäuse sein. Ein wehrloser Strunk, ein kleiner Wurzelballen, im Übermut ergriffen, hochgerissen und weggeworfen, ersetzt heute noch das kleine Nagetier. Das Gefieder zu ordnen ist überlebenswichtig. Deshalb sitzen die jungen Falken zwischen den akrobatischen Attacken immer wieder minutenlang in der Vormittagssonne auf einer Erdscholle und säubern jede einzelne Feder.

Die Wärme des Sommers empfängt einen Gast, einen guten Bekannten. Sie lässt ihn leuchten und singen, schmatzen und rascheln. Der Herbst kommt mit wertvollen Geschenken.

Gelb wird Gold, Rot glüht im Wettstreit mit dem Abendhimmel, Stare stürzen sich vielstimmig schwatzend auf die schwarzen Früchte des Holunders, Igel beißen genüsslich in reife Birnen und Gelbhalsmäuse flitzen durch das Laub. Mit jeder Haselnuß, die knallend auf den Boden fällt und jeder Buchecker, kann ihr Wintervorrat wachsen.

Und doch liegt eine ungewisse Spannung in der milden spätsommerlichen Luft. Es steht etwas bevor, etwas Großes, etwas Neues, Veränderung. Der Wind von Norden schiebt es vor sich her, wie eine große Welle, die alles verändert. Regen wird kommen, Nebel, erfrischende Kühle, Ruhe, auch Entbehrungen. Und noch mehr Wind.

Vielen Vögeln steht eine große Reise bevor. Viele sind schon unterwegs. Manche folgen den Eltern, manche suchen den Weg allein. Anstrengend und aufregend wird es in jedem Fall. Da tut es doch gut, noch ein paar Tage die Unbeschwertheit des Sommers zu genießen.

Es ist ein verwobenes Netz zwischen den Jahreszeiten, kein Stichtag, keine klaren Grenzen. Aber immer sehenswert.

Joachim Blank

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