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Plötzlich sind sie weg

Ornithologie vom

Auch das Braunkehlchen geht im Herbst auf Reise in wärmere Gefilde. Foto: Joachim Blank

Die Spätsommerhitze dörrt das Land aus. Das hohe Gras steht gelb und leblos auf den offenen Flecken zwischen Weißdorn und Hagebutten. Am wilden Zwetschgenbaum hängen zahllose, fast reife Früchte. Alle Energie steckt in ihnen, Kraft und Feuchtigkeit, die längst aus den schlaffen Blättern abgezogen wurden. Auch die Beeren des Weißdorns und die Hagebutten schimmern bereits orange.

Brauner Sauerampfer steht wie verbrannt zwischen den Gräsern und den noch halbwegs grünen Brennnesseln. Ein Windhauch bringt die Kräuter zum Rascheln, doch Erholung bringt er nicht.

Dazwischen hopsen und flattern Vögel, schnalzend und fiepsend oder gänzlich still. Einige scheren aus in Richtung Stoppelacker, wo sie in der staubtrockenen Erde die letzten Getreidekörner erhoffen.

Für fast alle ist wieder eine strapaziöse Saison zu Ende - Nestbau, Jungenaufzucht, Mauser. Sie sind überwiegend trocken durchgekommen, für Vögel nicht das schlechteste Wetter. Doch irgendwann macht auch ihnen die Dürre zu schaffen. Gerade jetzt, wo eine unerklärliche innere Unruhe sie vorantreibt, ihr Stoffwechsel auf Fressen und Speichern schaltet. Die Zugvögel zieht es unaufhaltsam nach Süden, Westen oder Osten, jeden nach seiner Art.

Jetzt geht es nicht mehr um Revierabgrenzungen und Werbung, jetzt muss ausreichend Fett angelagert werden, um kommenden Entbehrungen vorzubeugen. Die Stimme spielt also keine so große Rolle mehr, Lockrufe halten Schwärme zusammen, Warnrufe haben universellen Charakter und werden von vielen Arten gleichermaßen verstanden. Ungestört Nahrung aufnehmen, in Ruhe rasten und die Mauser ganz zu Ende bringen sind vorrangig. Für Jungvögel heißt es mit Gefahren umzugehen lernen und die Muskulatur zu stärken.

So auffällig ihr Erscheinen im Frühjahr ist, wenn von Mitte März bis Mai fast täglich neue Stimmen den Vogelchor ergänzen, so heimlich und wortlos ziehen sich manche Arten ab Juli aus dem Hainich zurück. Und das nicht nur am Tage sondern auch im Schutz der Dunkelheit.

Wendehals, Trauerschnäpper, Braunkehlchen und Nachtigall sind nur noch mühsam, eher zufällig in den Sukzessionsflächen zu entdecken, die Anwesenheit von Goldammern, Dorngrasmücken, Rotkehlchen und Fitissen verraten ihre kurzen Kontaktrufe. Viele von ihnen sind sicher nicht von hier, hinter ihnen liegen schon dutzende wenn nicht hunderte Kilometer Zugweg. Gute Rast - und Nahrungsplätze sind nicht mehr selbstverständlich, deshalb umso begehrter.

Ob sie nun in Spanien, England, Italien oder Afrika überwintern - es heißt hin und schließlich auch wieder zurück zu kommen - mit ungewissem Ausgang auf jeder Strecke.

Joachim Blank

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