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Ein Tag aus dem Leben unserer Praktikanten

Schüler-Tagebuch vom

Constantin Grothe hat ein Commerzbank-Umweltpraktikum im Nationalpark absolviert. Foto: privat

Eine Schulklassenführung durch den Nationalpark steht auf dem Programm. Lesen Sie hier den eindrücklichen Erlebnisbericht unseres Commerzbank-Umweltpraktikanten Constantin Grothe.

 

Wenn der Urwald zum Abenteuer ruft

Schnell werden einige Fühlbeutel mit Bucheckern, Eicheln und Schneckenhäusern gefüllt. Ein Fossil darf natürlich auch nicht fehlen. Für den Fall, dass sich die scheuen und seltenen Waldtiere an diesem Tag doch lieber im Dickicht verstecken, nehme ich mir vorsichtshalber einige schöne Fotos von Luchs, Rothirsch und Wildkatze mit, und ebenso die besten Schnappschüsse unserer Wildtier-Fotofallen dürfen nicht fehlen. Zu guter Letzt werden noch schnell ein Seil und einige Augenbinden in den großen Rucksack gepackt. An der nötigen Action soll es natürlich heute nicht mangeln. Achja, bloß nicht das Erste-Hilfe Set vergessen, ein Pflaster kann bei so mancher Erlebnisreise im Wald Leben retten. Und schon kann es bestens gerüstet zur nächsten Führung im Nationalpark Hainich losgehen.

Heute erwarten mich und meine Kollegen drei Schulklassen einer Gesamtschule. Insgesamt rund 60 Schülerinnen und Schüler, die sich besonders darauf freuen, dem gewöhnlichen Schulalltag zu entfliehen und einen aufregenden und spannenden Tag draußen in wilder Natur zu erleben. Auf dem Weg vom Verwaltungsbüro des Nationalparks im nahe gelegenen Städtchen Bad Langensalza werden noch die letzten Details des Programms besprochen, das die Kinder gleich erwarten wird. Es sollen nicht nur die typischen Baumarten und deren Bewohner erforscht werden, sondern darüber hinaus die Neugierde für die auf den ersten Blick unscheinbaren und spektakulären Dinge, wie Bodentypen und Gestein und alles was dort kreucht und fleucht, geweckt werden. In der Ferne lässt sich schon der Hainich mit seinen ausgedehnten Buchenwäldern erspähen.

Angekommen am Treffpunkt erscheint nach kurzer Zeit auch schon ein großer Schulbus, aus dem in Windeseile eine Vielzahl aufgeregter Kinder herausströmt. Die Betreuer haben zunächst Mühe, die große Gruppe zu bändigen, aber nachdem die Umgebung einem ersten begeisterten Blick unterzogen wurde, sammeln sich alle vor dem großen Begrüßungs- und Informationsschild, das wie so oft als Ausgangspunkt eines erlebnisreichen Ausflugs dient. Nach einer kurzen Begrüßung und einem kleinen Ausblick, was die Kinder heute erwartet, müssen zunächst noch die wichtigsten Grundsätze und Regeln eines Nationalparks besprochen werden, bevor die gemeinsame Wanderung in die Tiefe des Urwaldes beginnen kann. Getreu dem Motto "Natur Natur sein lassen", erklären wir unseren kleinen Gästen, auf welche Dinge Acht zu geben ist, wenn wir uns im Nationalpark aufhalten. Allerdings haben wir es häufig mit naturerfahrenen Kindern zu tun, die uns schon vorbildlich berichten können, wie man sich vernünftig im Wald verhält.

Und dann kann es endlich losgehen mit unserer tollen Erlebniswanderung. Zunächst laufen wir gemütlich einige Meter und geben Jedem die Möglichkeit, Eindrücke zu sammeln. Spätestens jetzt ist die letzte morgendliche Lustlosigkeit verschwunden, als ich das Strahlen in den Augen der Kinder erkennen kann und die Ersten ihre Neugierde nicht mehr zurückhalten können und anfangen, uns mit Fragen über dieses oder jenes zu löchern. Es lässt sich oft schon früh ausmachen, mit welcher Art von Kindern man es an diesem Tage zu tun hat. Sicher gibt es da hin und wie mal ein Kind, das sich nur schwer von der Natur begeistern lässt und lieber an seine Spielekonsole denkt. Oder jenes, dass trotz wochenlanger Ankündigung im Voraus völlig unvorbereitet in die Wildnis stürzt und sich wundert, dass die Jeans wohl doch etwas unbequem zu tragen ist auf einer langen Wanderung. Dennoch ist es immer wieder erstaunlich, auf welch unterschiedliche Art und Weise jedes einzelne Kind die Natur für sich entdeckt und welche Dinge ihnen zuerst ins Auge fallen. Sobald sie sich auf einen Tag in der Natur eingelassen haben, gibt es doch immer wieder mehr zu entdecken, als es zunächst erscheinen mag.

Es folgen im Laufe des Vormittags viele spaßige, erstaunliche und hoffentlich lehrreiche Aktionen. Nachdem etwa die Buche oder die Eiche als wichtige Baumarten kennengelernt wurden, werden die Kinder zu einer Baumbegegnung aufgerufen. Dabei führt jeweils ein Kind seinen Partner, dem zuvor die Augen verbunden wurden, zu einem bestimmten Baum. Derjenige, dem die Sicht genommen wurde, darf nun mit seinen Händen den Baumstamm des ausgewählten Baumes ertasten. Anschließend wird die Person wieder zum Ausgangspunkt zurückgeführt und steht nun vor der Aufgabe, seinen ertasteten Baum wiederzufinden und im besten Falle sogar noch sagen zu können, um welche Art es sich dabei handelt.

Wir versuchen, den Kindern immer zu verdeutlichen, wie wichtig die Vielfalt der Pflanzenarten als Grundlage für ein funktionierendes Ökosystem ist. Und dazu gehört nicht nur, wenn etwa die vielen verschiedenen Kräuter in voller Blütenpracht stehen und damit den Insekten ihren nahrhaften Nektar liefern, oder die Eichen und Buchen mit ihren Früchten den Säugetieren eine wichtige Nahrungsgrundlage bieten. Das Absterben von großen, alten Bäumen ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil im Kreislauf der Natur. Denn das morsche und poröse Holz bietet vielen Tierarten einen großen Nutzen. Totholz zersetzende Insekten sind auf absterbende Gehölze angewiesen. Dadurch werden wiederum Vögel angelockt, die es besonders auf deren Larven abgesehen haben.

Da nun bereits die ersten Tierarten genannt wurden, möchten die Schüler natürlich noch mehr über die besonderen Tiere im Hainich erfahren. Um bei der aufkommenden Begeisterung, die natürlich oft mit einem ansteigenden Geräuschpegel einhergeht, wieder für etwas Ruhe und Achtsamkeit zu sorgen, bietet sich an dieser Stelle eine kleine Übung an. Und zwar bitten wir die Kinder für die nächsten 60 Sekunden einmal ganz leise zu werden und aufmerksam den Geräuschen der Umgebung zu lauschen. Und das klappt immer sehr gut, denn wenn alle gemeinsam aufgefordert sind, zu schweigen, entsteht immer eine außergewöhnliche Stimmung. Selbst die lautstärkste Klasse hat hierbei oft keine Probleme. Dann können auch wir als Gruppenführer für einen kurzen Moment die Ruhe genießen.

Im Anschluss fragen wir die Kinder, welche Geräusche sie wahrnehmen konnten. Wie so oft berichten die Kinder freudig über das Rauschen der Blätter, das Knarren der Bäume oder das Zwitschern der Vögel. Auch einen Specht, der an einer alten Buche sitzt, konnten sie klopfen hören. Da es tagsüber und logischerweise bei einer großen Gruppe an Kindern, die durch den Wald toben, nur selten zu außergewöhnlichen Rufen, etwa dem der Wildkatze oder eines Fuchses kommt, habe ich in weiser Voraussicht immer noch einige Tierstimmen digital dabei. Mit einem Tierlexikon und einem speziellen Stift lasse ich diverse Tiere erklingen und die Kinder müssen erraten, wen es denn alles im Hainich, also zumindest theoretisch, zu hören gibt. Besonders knifflig wird es dann bei der Fledermaus, die ja nur mithilfe von spezieller Technik zu hören sind.

Eines der tollsten Erlebnisse während des Praktikums geschah eben eines Morgens während der "Schweigeminute" im Wald. Denn gerade als die Gruppe zur Ruhe gekommen war und wir gespannt den Geräuschen unserer Umwelt gelauscht haben, erschien völlig unerwartet ein Sprung Rehwild aus dem Gebüsch und verschwand nur wenige Augenblicke später wieder im Wald. Alle waren absolut begeistert und sahen mit weit aufgerissen Augen, wie schließlich das letzte junge Reh in Sekundenschnelle wieder im Grün verschwand.

Zu wahren Urwald-Forschern erwachen die Kinder dann am Hünenteich, dem größten Stillgewässer im Hainich. Dort untersuchen sie, ausgestattet mit Becherlupen und Sieben, die Insektenwelt in Boden und Wasser. Unzählig viele Kleinstlebewesen lassen sich dort entdecken, die sich hier in einem naturnahen Umfeld besonders wohlfühlen. Anhand von kleinen handlichen Bestimmungstafeln werden im Anschluss die gesammelten Arten beschrieben und bestimmt.

An diesem Punkt, der Hünenteich entstand vor langer Zeit in Folge eines Erdfalls, bietet sich außerdem ein sehr anschauliches Experiment an. Dafür hole ich einen zunächst unscheinbar wirkenden, gräulichen Stein aus meinem großen Rucksack. Ich erkläre den kleinen Forschern, dass es sich dabei um einen Kalkstein handelt, der sich im Hainich in nicht allzu großer Tiefe finden lässt und den nahezu gesamten Untergrund des Höhenzuges ausmacht. Dass sich diese Art von Gestein aufzulösen beginnt, wenn sie in Kontakt mit Säure tritt, verschweige ich den Kindern zunächst. Nun zücke ich ein kleines Fläschchen mit gering konzentrierter Salzsäure. Ich stelle den Kindern die Frage, was denn passieren könnte, wenn ich wenige Tropfen davon auf den Stein tröpfele. Nachdem sich die Kinder kurz beraten dürfen und etwas herumrätseln, zeige ich ihnen, ob sie richtig lagen oder vielleicht doch nicht. Wenige Tropfen reichen bereits und schon beginnt es auf dem Stein wild zu blubbern. Die Salzsäure löst den gebundenen Kohlenstoff, letzterer verflüchtigt sich in Form von Kohlenstoffdioxid. Es lässt sich den Kindern wohl kaum besser eine chemische Reaktion erläutern, als an einem praktischen Beispiel in der freien Natur. Und auf welche Weise solche Vorgänge in der Landschaft seine Spuren hinterlassen, wird hier in eindrucksvoller Weise deutlich.

Der Mittag nähert sich mit großen Schritten. Bevor sich alle in der Pause etwas stärken können, sammeln wir uns in der UBIS. Das ist unsere Umweltbildungsstation, eine umgebaute und wunderbar gestaltete Halle, in der zu vergangenen Militärzeiten Fahrzeuge und Munition gelagert wurden. Heute können die Kinder hier toben und dabei viel Wissenswertes über die Natur entdecken. Dafür gibt es sogar einen Forscherraum, in dem sich viele Tierpräparate und andere tolle Fundstücke aus dem Wald präsentieren. Ein Mädchen freut sich wieder besonders, als sie die flauschigen Tierfelle von Wildkatze und Fuchs entdeckt und natürlich auch einmal damit kuscheln darf.

Draußen darf dann anschließend etwas an der frischen Luft gespielt werden. Im WiKaKiWa (Wildkatzen-Kinderwald) können die Kinder noch etwas nach ihren Belieben spielen. Das Genießen sie immer sehr. Überhaupt ist der Ausflug immer eine große Freude für die Kinder gleichwie für die Lehrer. Hier kann außerhalb des direkten Schulumfelds viel an Wissen vermittelt werden und die Kinder können sich dabei in der Natur bewegen und ungezwungen ihre eigenen Erfahrungen machen.

Langsam geht die Zeit jedoch an diesem Tag zu Ende. Bis wir alle Kinder wieder um uns versammelt haben, dauert es immer eine Weile. Aber das können wir ihnen natürlich verzeihen. Zum Abschluss haben wir noch eine besondere Aktion vorbereitet, bei der alle als Gemeinschaft zusammenarbeiten müssen. Und dafür brauchen wir lediglich einen Gegenstand. Und der wartet schon den langen Tag auf seinen Einsatz. Aber zunächst bitten wir die Gruppe, sich in einen großen Kreis zu stellen. Alle sind gespannt, was sie denn nun erwarten könnte. Und dann hole ich - vielleicht erinnert ihr euch - als letztes mein Kletterseil aus dem Rucksack und lege es in einer großen Runde den Kindern in die Hände. Ganz ähnlich der Verantwortung, die wir alle für unseren Heimatplaneten und den darauf existierenden Ökosystemen tragen. Und diese Ökosysteme können nur dann stabil sein und funktionieren, wenn alle Teile desgleichen in Takt und voll belastbar sind. Um diese Situation einmal, zwar im metaphorischen Sinne, aber doch ganz praktisch, zu simulieren, bitten wir nun ein mutiges Kind, sich der Herausforderung zu stellen und einmal über das gesamte Seil zu balancieren. Dafür müssen natürlich alle gleichmäßig an dem Seil ziehen und somit die notwendige Spannung erzeugen, die dann der Belastungsprobe standhalten soll.

Ein mutiges Mädchen traut sich sogleich, nachdem sie sich von ihren verantwortungsvollen Klassenkameraden überzeugt hat. Meine Kollegin hilft ihr hoch. Zu Beginn etwas wackelig auf dem schmalen Kletterseil, wagt sie die ersten Schritte. Alle sind besonders bemüht, dass Seil straff, zugleich aber auch möglichst ruhig zu halten. Und tatsächlich! Immer mutiger macht sie einen Schritt nach dem anderen, steigt dabei vorsichtig über die haltenden Hände, auf die sie sich gerade vollends verlassen muss. Unter begeisterten Anfeuerungsrufen schreitet sie bald den letzten Metern entgegen.

Diese gemeinsame Übung, welcher sich sogar noch drei weitere junge Schüler stellen, bildet immer einen sehr gelungenen Abschluss unserer Tour. Hierbei können wir den Kindern einmal in voller Aktion verdeutlichen, wie wichtig es ist, dass ein solch komplexes Gebilde, wie es etwa unser Nationalpark Hainich darstellt, nur dann erhalten bleibt, wenn jedes einzelne Teil des Ökosystem in seiner wichtigen Funktion auf Dauer ungestört und somit stabil bestehen kann und jeder einzelne Teil dieses Systems auf seine Weise mitwirken kann.

Mit dieser abschließenden Botschaft machen wir uns auf den Rückweg. Zwischen den Kindern gibt es jetzt jede Menge aufregende Erlebnisse zu besprechen. Jeder hat andere Eindrücke gesammelt, die mit großer Begeisterung mitgeteilt werden. Das macht uns natürlich immer sehr glücklich, wenn wir sehen, dass es den Kindern Spaß gemacht hat und sie viele schöne Erinnerungen mitnehmen.

Wieder am Parkplatz angekommen werden wir schließlich von allen mit einem großen Dankeschön verabschiedet. Glücklich und erschöpft steigen die Kinder wieder in den Bus und begeben sich auf ihren Heimweg. Genauso wie wir, erschöpft, aber nicht weniger glücklich darüber, wieder vielen jungen Menschen unsere Natur und den Nationalpark einen Stück näher gebracht zu haben.

Constantin Grothe
Commerzbank-Umweltpraktikant

 

 

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