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Ein Kobold zwischen Himmel und Erde

Ornithologie vom

Das Eichhörnchen trinkt im kleinen Kelch des Zaunpfahles frisches Tauwasser. Foto: Joachim Blank

In diesem Beitrag von unserem Ornithologen Joachim Blank spielen die Vögel ausnahmsweise einmal nicht die Hauptrolle. Ein kleiner, roter "Kobold" hat seine Aufmerksamkeit gefesselt.

Ein Tag Ende Januar – grau, nass, Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Schneeflocken wirbeln im frischen Nordostwind durch Wälder, Parks und Gärten. Kaum auf dem Boden angekommen, ist ihr Dasein auch schon wieder zu Ende. Nur ein nasser weißer Schaum bleibt für kurze Zeit auf dem Gehweg liegen und zeichnet das Muster der Pflastersteine nach.

Hinten im Garten treffen immer mehr Erlenzeisige und Stieglitze am Futterhäuschen ein und suchen sich das Passende aus der Körnermischung heraus. In den Fichten am Gartenzaun ist Bewegung – aber es sind nicht die Vögel, unter deren Füßen die Zweige schwanken. Noch ist unklar, wer dort umgeht. Für einen kurzen Augenblick huscht etwas Rotes zwischen zwei Ast-Etagen hindurch. Kurz darauf wird die Vermutung zur Gewissheit. Flink und selbstsicher balanciert ein Eichhörnchen über den Staketenzaun. Kopf, Rücken und Schwanz in typischem Kastanienrot, die Flanken grau meliert, die Ohren in langem Pelz eingefasst, kontrastreiches Weiß auf der Bauchseite – ein Winterfell der exklusiven Art.

Einige Sekunden verharrt es vor dem Zaunpfahl, dessen Abdeckung wie ein kleiner Kelch frisches Tauwasser bereithält. Dann führt der Weg hinter dem Schuppen entlang und geradewegs in eine weitere, dichte und besonders große Fichte.

Minutenlang wechselt das Hörnchen dort geschäftig zwischen den Ästen hin und her. Mal ist es Richtung Stamm verschwunden, dann wieder auf den Außenästen. Auch die Spitze des Baumes, an dem einige dicke Zapfen hängen, wird fast erreicht. Doch irgendwie führen alle Wege immer wieder zu einem Punkt. Der Blick durch das Fernglas verrät den Grund: hier entsteht zwischen zwei stabilen Zweigen ein Kobel, das mehr oder weniger runde, fußballgroße Wohnzimmer und Schlafgemach des quirligen Kobolds. Von jedem Klettergang bringt es einige neue Bauteile im Maul mit: kleine Ästchen für die Formstabilität, Blätter und Rindenstückchen für die Isolierung, weiches Moos für die Gemütlichkeit. Vielleicht wird es ja auch eine zukünftige Kinderstube? Im Revier eines Hörnchens gibt es mehrere Kobel mit unterschiedlichen Funktionen.

Im Januar beginnt die Fortpflanzungszeit der Eichhörnchen, obwohl die Aktivitätszeit im Winter meist auf wenige Stunden am Vormittag begrenzt ist. Tagelange, spielerische Verfolgungsjagden im Gewirr der Baumstämme gehen der Paarung voraus. Lange spitze Krallen, kräftige Hinterbeine und ein buschiger Schwanz zum Balancieren erlauben es Eichhörnchen, sich mit traumwandlerischer Sicherheit in luftiger Höhe aber auch am Boden elegant zu bewegen.

Hat das Weibchen aus den Bewerbern einen Partner ausgewählt, werden knapp 40 Tage später, regelmäßig schon im März, zwei bis fünf Junge geboren und von ihr allein versorgt. Bis August kann noch ein zweiter Wurf folgen.

Joachim Blank

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