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Die Unsichtbare aus dem hohen Norden

Ornithologie vom

Fast unsichtbar und regungslos verharrt diese Besucherin aus dem Norden zwischen Gras und Schilf: eine Zwergschnepfe. Foto: Daniel Storch

Nur lerchengroß, braun und mit hellen Nadelstreifen, gleich einem welkem Grasbüschel zwischen anderen Grasbüscheln, Schilfhalmen und modriger Erde, unsichtbar und regungslos verharrt eine Zwergschnepfe auf dem durchnässten Boden der Werra-Wiese.

Viele dieser knapp zwanzig Zentimeter großen Geister verlassen sich so sehr auf ihre Tarnung, dass sie erst im letzten Moment vor einer Störung auffliegen. Entsprechend selten, geheimnisvoll und unnahbar erscheinen dem Vogelbeobachter die langschnäbligen Watvögel, eine Beschreibung, die fast ebenso auf ihre nahen Verwandten Bekassine und Waldschnepfe zutrifft.

Ihr Auftreten in Thüringen ist auf die Herbst- und Wintermonate beschränkt, wirklich sichere Brutnachweise in Deutschland gibt es nicht. Aus ihrer Heimat in Nordeuropa und Ostsibirien kommend, treffen die ersten Zwergschnepfen frühestens im August bei uns ein. An Wasserlachen auf Brachflächen, überschwemmten Wiesen mit Röhrichtinseln und in Mooren finden sie Überwinterungsplätze mit ausreichendem Nahrungsangebot und der nötigen Deckung.

Die dämmerungsaktiven Vögel suchen Wasserinsekten, Würmer und wohl auch die eine oder andere Sämerei auf dem Boden. Oder sie Stochern mit dem 40 Millimeter langen Schnabel in den oberen, feuchten Erdschichten. Ihre sensible Schnabelspitze verrät ihnen, wenn sie auf einen Wurm gestoßen sind.

In der Heimat der Zwergschnepfen beginnt die Fortpflanzungsperiode mit aufwendigen und formenreichen Balzflügen bevor in flacher Mulde, meist auf feuchtem Boden und im Schutz niedriger Vegetation ab Mai gebrütet wird.

Zwei Nachweise im Nationalpark zeigen, dass die offenen Brachen und Weideflächen am Hainich auch Überraschungen dieser Art bereithalten können. Seltener wohl als echte Feuchtgebiete und nur noch in den überwiegend strauchfreien Arealen von Kindel, Steinberg oder Seegelsberg - aber möglich, wenn sich die Wege von Mensch und Schnepfe zufällig kreuzen.

Joachim Blank

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