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Die Töne des Herbstes

Ornithologie vom

Geschäftige Eichhörnchen pendeln zwischen Haselnußbusch, alter Eiche und Boden. Foto: Daniel Storch

Sie sind hörbar! Mal leise im Fall der reifen Eichel, dann wieder mächtig als imaginärer, anschwellender Wasserfall, der durch die Baumkronen rast, einen wirren Blätterregen hinterlassend. Der Morgen verliert sich zunehmend in grauen Schleiern, der Abend wirft seinen Umhang eiliger über die knorrigen Schultern. Die Nacht kommt lautlos und hüllt den alten Grasfrosch in kühle Lethargie.

Doch die Töne sind auch bunt und laut, ehrlich und zuversichtlich. Blätter zeigen ihr geheimes Seelenleben, ein Flickenteppich aus Farben, von brüchigen Nerven durchzogen. Ohne Gegenwehr bemächtigen sich Pilze ihrer Nährstoffe, bringen die Bausteine des Lebens zurück in den Boden. Wie in einen Tresor, der das Startkapital für das nächste Jahr bereithält.

Die klare Stimme des jugendlichen Waldkauz-Männchens trägt seine Ungeduld schon in Septembernächten weit durch das lichte Blätterdach. In den nächsten fünf Monaten wird er ein Weibchen finden und von seinen Qualitäten überzeugen. Mäuse nehmt euch in Acht - ihr seid das Brautgeschenk!

Eichhörnchen sorgen sich um Vorräte. Geschäftig pendeln sie zwischen Haselnußbusch, alter Eiche und Boden. Alles scheint verwertbar und wert, es zu verstecken. Hundertfach werden die Früchte nach kurzem Scharren in der weichen Humusschicht des Waldbodens deponiert, mit der Nase festgedrückt und Blätter darüber geschoben. Pilze landen zum Trocknen in Astgabeln, Rindenspalten oder Baumhöhlen.

Schrill und scheinbar sorglos surren Heuschreckengesänge durch trockene Krautfluren. Fast ohne Vogelgezwitscher gehört das Grasland nun wieder ganz ihnen, die letzten Tage des Sommers, bis zum unausweichlichen, frostigen Ende. Die neue Generation schlummert sicher als Ei im Erdreich.

An sonnigen Tagen ist die kommende Zeit der Entbehrungen fast vergessen. Über farbenfrohen Wäldern steigen Mäusebussarde rufend mit der Thermik in den Himmel, Mönchsgrasmücken und Amseln üben leise Herbstgesänge und Spechte trommeln kurze Salven.

So fließt der Herbst in den Hainich, Tag und Nacht, unaufhaltsam, unüberhörbar.

Joachim Blank

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