Einzelansicht

Bleiben oder Gehen?

Ornithologie vom

Schwarzkehlchen sind bereits ab Ende Februar und dann bis weit in den Oktober besonders auf dem Kindel zu beobachten. Immer wieder versuchen einzelne zu überwintern. Foto: Daniel Storch

Eine Entscheidung, die nicht immer leicht fällt

Zugvögel haben es da wahrscheinlich ein bisschen einfacher. Eine innere Uhr sagt ihnen, wann es an der Zeit ist. Aber natürlich spielen auch andere Faktoren - Witterung, Nahrungsknappheit oder Tageslänge - eine auslösende Rolle.

Und dennoch hat man das Gefühl, dass es manchen Arten, zumindest einigen Individuen, schwer fällt, sich zu entscheiden. Mag sein, dass sie die Oktobersonne festhält oder die Mückenschwärme, die an sommerlichen Herbsttagen nochmals zahlreich über den roten Blättern des Hartriegels tanzen. Oder es ist der reichliche Ertrag der Zwetschgenbäume, deren überreife blaue Früchte immer noch mit zuckersüßem Fleisch locken. Einige Mönchsgrasmücken, Zilpzalpe und Sommergoldhähnchen, selbst Teichrohrsänger entdeckt man noch, wenn sie heimlich durch die Gebüsche schlüpfen. Sie sind jetzt viel unauffälliger als im Frühjahr, ganze Strophen sind kaum noch zu hören. Ein wenig Herbstgesang vielleicht, leiser und kürzer als üblich, zur Übung. Sonst sind es Lockrufe, wie ein Mut machendes Selbstgespräch und um Kontakt zu halten mit den Gleichgesinnten.

Natürlich kann man auch andere Erklärungen einbringen: Jungvögel aus späten Bruten, die noch Kraft sammeln müssen vor der Reise, durch Verletzungen beeinträchtigte Vögel oder bereits aus anderen Regionen zugezogene Vögel, die einige Tage hier rasten.

Klimaveränderungen werden von Vögeln ebenso wahrgenommen, wie von unseren Wetterstationen. Vögel reagieren darauf ganz pragmatisch und direkt: ist genug Futter da und sind die Temperaturen erträglich, bleib ich eben hier. Warum abmühen und unkalkulierbare Gefahren in Kauf nehmen.

Und Dableiben lohnt sich - im Frühjahr sind die besten Reviere noch frei von Konkurrenten. Doch wehe, die Rechnung geht nicht auf! Dauerfrost und Schnee können tödlich sein. Rotmilane, Kraniche, Rotkehlchen, Amseln und Zaunkönige führen es uns schon seit Längerem vor. Sie verlassen sich auf ihre Flügel und suchen im Ernstfall noch kurzfristig das Weite. Und dann nur so weit, wie gerade nötig.

Der Trend, im Frühjahr etwas früher zurückzukehren und im Herbst etwas länger zu bleiben, ist von Ornithologen gut dokumentiert. In diesem Jahr scheint es mir wieder ein bisschen ausgeprägter zu sein.

Joachim Blank

Kontakt

Ansprechpartner_in

Cornelia Otto-Albers

0361/57 3914 008