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Disput um Zahlen - Erläuterungen zur Waldinventur im Hainich

spezielle Hinweise vom

Im Nationalpark Hainich findet keine Waldbewirtschaftung statt. Hier dürfen die Bäume alt und dick werden. Foto: Martina Luig

Leisten bewirtschaftete Wälder oder Waldwildnis mehr für den Klimaschutz?

Zahlen aus der Waldinventur des Nationalparks Hainich spielen bei dieser viel diskutierten Frage bei der Veröffentlichung von Schulze et al. (2020) eine zentrale Rolle. Als Referenzwert für den Zuwachs unbewirtschafteter Wälder in Deutschland wird hier ein Wert von 0,4 m3/ ha/ Jahr verwendet. Dabei wird Bezug genommen auf unseren Band Erforschen 3 (Nationalpark-Verwaltung 2012). Zentrales Ergebnis von Schulze et al. ist, dass die durch Holznutzung eingesparten C02-Emissionen das Zehnfache dessen ausmachen würden, was über den Aufbau an Holzvorräten im nutzungsfreien Wald (am Beispiel Hainich) gebunden wird. Die Veröffentlichung von Schulze et al. hat zu einem wissenschaftlichen Disput geführt. Zentraler Kritikpunkt ist die Verwendung des genannten Zuwachswertes von 0,4 m3/ ha/ Jahr. Würde in der Herleitung von Schulze et al. ein anderer Wert genommen (s. nachfolgende Erläuterung), würde sich das zentrale Ergebnis komplett umdrehen und dem nutzungsfreien Wald einen größeren Beitrag zum Klimaschutz zuweisen als dem Wirtschaftswald. Da diese Frage von großem Interesse ist und Zahlen aus der Waldinventur im Hainich die Basis sind, sollen zum besseren Verständnis der Diskussion nachfolgend die Zahlen der Waldinventur erläutert werden.

Für die Waldinventur im Nationalpark Hainich kommt ein stichprobenbasiertes Verfahren zur Anwendung. Die Stichprobenpunkte wurden zufällig ausgewählt, indem das gesamte Schutzgebiet mit einem Gitternetz überzogen wurde, dessen Gitternetz-Linien einen Abstand von 200 m aufweisen. Die Schnittpunkte der Gitternetzlinien sind die Mittelpunkte der Stichprobenflächen. Für die gesamte Nationalpark-Fläche wurden so 1.902 Stichprobenpunkte definiert.

Im Jahr 2000 erfolgte die Erstaufnahme. Zu diesem Zeitpunkt betrug die Waldfläche im Nationalpark gemäß Wald-Biotopkartierung 5.015 ha; in dieser waren 1.200 (von 1.902) Stichprobenpunkten verortet. Auf den betreffenden 1.200 Probeflächen wurde das lebende Derbholz (sowie weitere Komponenten) erfasst. Es ergab sich ein durchschnittlicher Wert für die lebende Derbholzmasse von 363,5 m3/ ha für die o. g. Waldfläche.

Im Jahr 2010 erfolgte die erste Wiederholungsaufnahme. Da die Waldfläche mittlerweile durch natürliche Sukzession größer geworden war (5.287 ha zu 5.015 ha 10 Jahre vorher), wurden jetzt 1.421 Stichprobenpunkte aufgenommen, die insgesamt hier verortet sind. Für die Waldfläche zum Stichtag 01.01.2010 ergab sich ein durchschnittlicher Wert für die lebende Derbholzmasse von 367,5 m3/ ha.

Die Ermittlung des Zuwachses für eine konkrete Waldfläche in einer bestimmten Periode erfolgt durch Vergleich der Derbholzmasse zu Beginn und am Ende der Periode (ggf. unter Berücksichtigung der hier geernteten Derbholzmenge).

Für die Waldfläche zum Stichtag 01.01.2000 (5.015 ha) war die lebende Derbholzmasse zu Beginn der Periode (also 2000) 363,5 m³/ha und zum Ende (2010) 453,0 m³/ha. Die Differenz und somit der Zuwachs in der Periode 2000-2010 beträgt 85,5 m³/ha, das entspricht einem jährlichen Zuwachs von 8,55 m³/ha > rd. 9 m3/ha.

Für die Waldfläche zum Stichtag 01.01.2010 (5.287 ha) wurde eine lebende Derbholzmasse von 367,5 m³/ha ermittelt. Für die Ermittlung des Zuwachses ist dabei folgendes zu beachten: Auf dieser Fläche von 5.287 ha betrug die lebende Derbholzmasse im Jahr 2000 nicht 363,5 m³/ha, sondern nur 306 m³/ha. Dieser Wert ergibt sich, da für die 221 Probepunkte, die 2010 neu erfasst wurden (da jetzt Waldfläche), im Jahr 2000 eine lebende Derbholzmasse von 0 m³/ha anzusetzen ist (da zu diesem Zeitpunkt noch kein Derbholz vorhanden war); 2010 wurde für diese 221 Punkte ein durchschnittlicher Vorrat von 32,7 m³/ha errechnet. Für die 2010 insgesamt untersuchte Waldfläche beträgt die Differenz der ermittelten Anfangs- und Endvorräte resp. der Zuwachs in der Periode 2000-2010 somit 61,5 m³/ha, das entspricht einem jährlichen Zuwachs von 6,15 m³/ha > rd. 6 m3/ha.

Wenn man wie bei Schulze et al. die ermittelten Derbholzmassen 2000 und 2010 vergleicht, scheint auf den ersten Blick in 10 Jahren kaum ein Zuwachs erfolgt zu sein (rein rechnerisch lediglich ein periodischer Zuwachs von 4 m³/ha, was einem jährlichen Zuwachs von 0,4 m3/ ha entsprechen würde - das ist die Zahl, die bei Schulze et a. als Referenz verwendet wird). Ein reiner Vergleich dieser Zahlen führt aber völlig in die Irre, da es sich wie dargestellt um unterschiedliche Waldbezugsflächen mit einer anderen Zahl von Stichprobenpunkten handelt. Für die Ermittlung des periodischen Zuwachses dürfen nur jeweils die gleichen (identischen) Waldflächen verglichen werden.

Vergleicht man nur die 1.200 Punkte, die sowohl 2000 und 2010 erfasst wurden, ergibt sich für 2010 ein Wert von 453 m3/ ha, was einer mittleren Vorratszunahme von 9 m3/ ha/ Jahr entspricht. Dies ist auch ein Wert, der auf solch nährstoffreichen Standorten wie dem Hainich zu erwarten war.

Bei einem korrekten Vergleich der gesamten Waldfläche 2010 mit 2000 ergibt sich ein jährlicher Zuwachs von 6 m3/ ha/ Jahr. Selbst unter Berücksichtigung der vielen Jungwaldflächen im Hainich, die 2000 noch keinen Wald aufwiesen, mit sehr niedrigen Vorratszahlen und geringen Zuwächsen, liegt damit die Vorratszunahme noch immer beim 15-fachen der in der Veröffentlichung von Schulze et al. verwendeten Zahl von 0,4 m3/ ha.

Manfred Großmann
Leiter

Quellen:
Nationalpark-Verwaltung Hainich (2012): Waldentwicklung im Nationalpark Hainich. Ergebnisse der ersten Wiederholung der Waldbiotopkartierung, Waldinventur und der Aufnahme der vegetationskundlichen Dauerbeobachtungsflächen. Erforschen Band 3, Bad Langensalza, 166 S.

Schulze ED, Sierra CA, Egenolf V, et al. The climate change mitigation effect of bioenergy from sustainably managed forests in Central Europe. GCB Bioenergy. 2020; 12: 186-197. https://doi.org/10.1111.Gcbb.12672

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