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Waldminchen
Es war einmal ein kleines Mädchen, das hatte keinen Bruder und keine Schwester und machte seinen Eltern vielen Kummer und Verdruß; denn so hübsch es war, so unartig war es auch. Es war zänkisch und eigensinnig, und Ermahnungen und Strafen wollten bei ihm nicht anschlagen. Eines Abends tummelte es sich draußen mit den Straßenjungen umher, und als es zum Essen gerufen wurde, da wollte es nicht kommen; und als es mit Gewalt geholt wurde, da wollte es nichts essen. So musste es denn hungrig ins Bett gehen, und als es nun des Nachts aufwachte, da rief es nach einem Butterbrot, und als die Mutter nicht aufstehen wollte, da lärmte und schrie es. "Ei", rief endlich die Mutter ärgerlich, "ich wollte, Waldminchen käme und holte dich." Und kaum hatte sie das gesagt, da ging die Kammertür auf, und Waldminchen war da. Voran aber gingen zwei Hasen, von denen jeder ein langes Licht auf dem Rücken hatte, und hinterher gingen auch zwei Hasen, die trugen Waldminchens ungeheure Schleppe. Und die Waldfrau schritt auf das Bettchen zu, in welchem das kleine Mädchen lag, zog die Decke, unter die es vor Angst gekrochen war, weg und nahm es in ihren Arm, und die Eltern mochten bitten und das Kind schreien, soviel sie wollten, sie trug das kleine Mädchen hinaus in die Nacht und in den Wald und brachte es in ihre lange Höhle. Wie es nun am andern Morgen die Augen auftat, da lag es auf dürrem Laub, und als es nun umhersah und Vater und Mutter nicht fand, fing es bitterlich an zu weinen. Die Waldfrau aber hatte, so streng sie sein konnte, ein gutes Herz; deshalb ging sie auch jetzt an das Lager des kleinen Mädchens und sagte: "Wärst du artig gewesen, so wärst du immer bei deinen Eltern geblieben; sobald du artig wirst, kommst du wieder zu ihnen. Bleibst du aber eigensinnig, so geht dir´s schlecht!" Hierauf kamen Waldminchens Dienerinnen, zogen es hübsch an und führten es zu einem kleinen Hause hinten in der Höhle. Da waren viele kleine Kinder, mit denen lief es auf eine Wiese. Dort pflügten sie Blumen und wanden Kränze und spielten und tanzten zusammen. Und wenn sie hungrig und durstig waren, kamen Dienerinnen und brachten ihnen das Beste zu essen und zu trinken. So ging es mehrere Tage gut; dann fing das Mädchen aber auch Zank mit den kleinen freundlichen Kindern an. Diese erschraken darüber, denn sie hatten das bisher nie gekannt, und sie wollten das fremde Mädchen wieder freundlich haben, und brachten ihm die schönsten Blumen und die buntesten Kränze; es blieb aber mürrisch und verdrossen und wollte nicht mehr mitspielen. Da gingen die kleinen Kinder zur Waldfrau und erzählten ihr alles. Und sie sah so böse aus, daß es wieder freundlich wurde und mit auf die Wiese lief. Lange indes dauerte es nicht, da schalt und schimpfte es wieder. Dafür kam es in einen dunklen Winkel und musste da den ganzen Tag allein sitzen. Als aber auch das nicht mehr helfen wollte und es die kleinen Kinder sogar gekniffen und gekratzt hatte, sagte Waldminchen: "Warte nur, jetzt kommt es besser!" Und das Mädchen mochte schreien und toben, soviel es wollte, die Waldfrau nahm es in ihren Arm und trug es tief in den Wald hinein. Sie ging einen ganzen Tag lang, die Bäume wurden immer größer, die Büsche immer dichter, zuletzt hörten sie in der Ferne ein fürchterliches Brausen, und als sie nahe hinzu kamen, sahen sie ein großes Wasser, und an dem großen Wasser drei sonderbare Mühlen. Die Waldfrau ging mit dem unartigen Mädchen grade auf die erste Mühle los, und indem sie sagte:
"Was jung ist, wird alt, was alt ist, wird jung!"
setzte sie es auf das Mühlrad, und das Mühlrad drehte sich flinker und immer flinker. Und so oft das Mädchen mit herum war, war es drei Tage. So sehr es auch bat und bettelte, doch der Mühle Einhalt zu gebieten, Waldminchen kümmerte sich nicht darum und ging an die andere Seite des Wassers, wo die beiden anderen Mühlen standen, von denen war die erste eine Weiber-, die andere eine Männermühle. Und als sie zu der ersten kam, sagte sie zu den beiden Männern, die da standen:
"Was jung ist, wird alt, was alt ist, wird jung!"
Und die Männer warfen sie in den Mahlkasten, und als sie unten rauskam, war sie die schönste Jungfrau; alles aber war so rasch gegangen, dass sie das Wort "jung" erst aussprach, als sie es schon war. So schön und jung eilte sie zu dem kleinen Mädchen, das aber unterdessen ein altes runzliges Weiblein geworden war und nun voll tiefer Reue einsah, um welch schöne Zeit es sich durch seinen Eigensinn gebracht hatte. "Das hat geholfen", dachte die Waldfrau und gebot den beiden Männern, es in den Kasten zu werfen, und wärend Waldminchen sagte:
"Was jung ist, wird alt, was alt ist, wird jung!"
war das Mädchen schon wieder jung wie vorher und noch hundertmal schöner geworden. Als Waldminchen und das Mädchen nun eben fort wollten, kam ein alter Mann durch die Büsche gegangen; es war der Vater, der die entschwundene Tochter überall gesucht hatte und vor Gram alt und grau geworden war. Da führte ihn die Waldfrau zu der dritten Mühle und winkte; zwei Weiber warfen ihn oben in den Kasten, und während Waldminchen den Spruch sagte, kam er unten schon wieder als ein Jüngling zum Vorschein. Nun nahm er sein Kind bei der Hand und brachte es nach Haus; seit der Zeit aber ist es eine gehorsame Tochter gewesen. Und als sie später ein Brüderlein bekam, hat sie es gar treulich gewartet und zu allem Guten angehalten; und ein paar Jahre darauf, als sie selbst einen wackeren Jäger heiratete, hat Waldminchen ihr kostbare Geschenke geschickt.



