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Thomas der Reimer und die Königin der Feen

Ercildourne ist ein Dorf, das im Schatten der Eildon-Berge liegt. Hier lebte in alten Tagen ein Mann, der Thomas Learmont hieß und sich nur darin von seinen Nachbarn unterschied, dass er auf einer Laute spielte, wie die wandernden Sänger es tun.

Ab einem Sommertag verschloß Thomas die Tür seiner Hütte und machte sich mit seiner Laute unter dem Arm auf den Weg zu einem Kleinbauern, der am Hang der Berge wohnte. Es war nicht allzu weit, und er schritt kräftig aus über die Heide hin. Der Himmel war wolkenlos und blau, und als er Huntlie Bank am Fuße der Eildon-Berge erreichte, war er müde und träge von der Hitze und beschloß, sich unter dem Schatten eines großen Baumes etwas auszuruhen. Vor ihm lag ein kleiner Wald, durch den zogen sich grüne Pfade. Er schaute in die Tiefe des Waldes und zupfte dabei ein paar Akkorde auf seiner Laute. Da hörte er in der Ferne einen Laut, der klang wie das Geräusch eines Bergbaches. Dann aber sprang er plötzlich erstaunt auf, denn über einen der grünen Pfade sah er die schönste Dame der Welt reiten. Sie trug ein Kleid aus grasgrüner Seide und einen Umhang aus grasgrünem Samt, und ihr blondes Haar fiel ihr über die Schultern. Ihr milchweißes Pferd bewegte sich anmutig zwischen den Bäumen, und Thomas sah, dass an jedem Haarbüschel der Mähne eine kleine silberne Glocke angebunen war. Er zog seine Mütze und fiel vor der schönen Reiterin auf die Knie, die ihre milchweiße Stute zügelte und ihm befahl, aufzustehen.

"Ich bin die Königin des Feenlandes und komme, um dich zu besuchen, Thomas von Ercildourne", sagte sie. Dann lächelte sie und streckte die Hand aus, damit er ihr helfen könne, abzusteigen. Er warf den Zügel des Pferdes über einen Dornbusch und führte sie, verzaubert von ihrer bleichen, unirdischen Schönheit, zu einem großen Baum.
"Spiel auf deiner Laute, Thomas", sagte sie, "schöne Musik und grüner Schatten passen gut zusammen."

Also nahm Thomas sein Instrument, und es kam ihm vor, als habe er nie zuvor so süße Melodien auf seiner Laute hervorgebracht. Als er zu Ende gekommen war, sagte die Feenkönigin, es habe ihr gut gefallen.
"Ich will dich belohnen, Thomas", sprach sie, "um was immer du bittest, es soll dir werden."

Da fasste Thomas ihre weiße Hand.
"Laß mich deine Lippen küssen, schöne Königin", bat er. Die Königin entzog ihm ihre Hand nicht, sondern sagte lächelnd:
"Wenn du meine Lippen küsst, Thomas, wirst du mir verfallen. Du wirst unter einem Bann stehen und wirst mir sieben Jahre dienen müssen, ob es dir gefällt oder nicht."
"Was sind sieben Jahre?" erwiderte Thomas, "das ist eine Strafe, die ich gern auf mich nehme." Und er presste seine Lippen auf den Mund der Feenkönigin.
Dann sprang die Königin auf und Thomas wusste, dass er ihr nun folgen musste, wohin sie ihn führte.

Doch immer noch war die Verzauberung der Liebe in ihm, und er bedauerte seinen verwegenen Wunsch nicht, selbst wenn es ihn nun sieben Jahre seines Lebens kosten würde. Sie sprang auf ihr milchweißes Pferd und hieß Thomas hinter ihr aufzusitzen, und während die Glöckchen hell klingelten, ritten sie über die grünen Täler und die mit Heidekraut überwucherten Hänge, und sie reisten schneller als die vier Winde des Himmels, bis sie in ein seltsames Land kamen, wo die Königin Thomas sagte, hier würden sie eine Weile rasten.

Thomas ah sich neugierig um, denn er wusste, dass er nun nicht mehr im Land der Sterblichen war. Eine Wildnis lag hinter ihnen, ohne Weg, wie das Meer, aber vor ihnen verliefen drei Wege in das kahle Land.

Eine Straße war eng und steil; an beiden Seiten eingefasst mit Dornenbüschen und Stechginster, verlief sie auf ein schwarzes Loch zu.

Die zweite Straße war breit, und auf ihr lag tanzendes Sonnenlicht. Sie führte zu einem samtweichen Rasen, auf dem Blumen in leuchtenden Farben blühten.

Die dritte Straße aber lief zwischen Farnen und Moos und unter großen Bäumen hindurch, deren Blattwerk kühlen Schatten warf.

"Die steile, enge Straße ist der Weg der Rechtschaffenheit", sagte sie, "nur wenige Reisende sind kühn genug, diesen Weg einzuschlagen. Die breite Straße heißt man den Pfad der Verderbtheit, obwohl er so schön und hell aussieht. Die dritte Straße aber, die sich durch Farne und Moos windet, ist der Weg ins Feenreich, wo du und ich heute abend sein werden."

Sie stieg auf ihr Pferd, das behaglich seinen Kopf hob und den Farnpfad betrat. Ehe sie aber weiterritten, sagte sie zu Thomas:
"Wenn du mir gehorchst und nie ein Wort sprichst, solange du im Feenland bist, was immer du auch dort sehen und hören magst, dann will ich dich nach den sieben Jahren ins Land der Menschen zurückschicken. Entschlüpft dir aber nur ein Wort, so hast du dein Glück verwirkt und wirst für ewig durch die Wildnis wandern müssen, die zwischen dem Feenland und dem Reich der Menschen liegt."

Sie ritten auf dem dritten Pfad, und Thomas fand, dass man eine große Strecke zurücklegen musste, ehe man das Reich der Königin sah. Sie ritten über Täler und Hügel, über Moore und Ebenen. Manchmal wurde der Himmel dunkel wie Mitternacht, und manchmal malte die Sonne einen goldenen Rand auf die Wolken. Sie überquerten reißende Ströme, in denen rotes Blut gurgelte, das an den Flanken der milchweißen Stute aufspritzte, und die Königin musste ihren langen Umhang hochnehmen. Alles Blut, was je auf Erden vergossen worden ist, floß aus den Quellen dieses seltsamen Landes. Schließlich aber erreichten sie die Tore des Feenlandes, wo tausend Trompeter ihre Ankunft verkündeten.

Weit fort, im Land der Irdischen, flüsterten sich die Leute von Ercildourne unheimliche Geschichten über Thomas Learmont zu, der an einem Sommertag verschwunden war. Während der ganzen Zeit, in der er sich im Feenland aufhielt, sprach Thomas kein Wort, was immer er auch an wunderbaren Dingen sah und hörte. Und als er der Feenkönigin sieben Jahre gedient hatte, führte sie ihn in einen sonnenbeschienenen Garten vor den Toren des Feenlandes. Lilien und schöne Blumen wuchsen dort, die Bäume schienen von einem leuchtenderen Grün als anderswo, und unter ihren Zweigen weideten zahme Einhörner.

Die Königin pflückte einen Apfel von einem Baum und reichte ihn Thomas.
"Jetzt darfst du dein Schweigen brechen", sagte sie, "und nimm diesen Apfel für die Dienste, die du mir sieben Jahre erwiesen hast. Es ist eine verzauberte Frucht, und wer sie isst, dessen Zunge wird nie eine Lüge sprechen."

Nun war Thomas ein Bursche, bei dem das Nachdenken rasch ging, und es wollte ihm scheinen, dass es ein zweifelhaftes Vergnügen sei, für den Rest seines Lebens in der Welt, in die er zurückkehrte, immer die Wahrheit sagen zu müssen. Er versuchte dies der Königin zu erklären:
"Im Land der Menschen, musst du wissen, ist es oft nötig, etwas zu übertreiben, wenn man mit seinem Nachbarn ein gutes Geschäft machen oder die Gunst einer Frau durch Redegewandtheit gewinnen will."

Die Königin lächelte und sagte:
"Sei nur ruhig, Thomas. Ein solches Geschenk, wie ich es dir mache, wird so leicht keinem Irdischen zuteil. Es wird dir mehr Ruhm bringen, als du denkst, und man wird sich an den Namen von Thomas Learmont erinnern, solange Schottland besteht. Aber jetzt musst du gehen, Thomas doch höre noch dies. Die Zeit wird kommen, da ich dich zurückrufe, und du musst versprechen, dann meinen Befehlen zu gehorchen, wo immer du auch sein magst. Ich werde zwei Boten schicken, bei denen du sofort wissen wirst, dass sie nicht von deiner Welt sind."

Thomas starrte in die schwarzen Augen der Feenkönigin, und er wusste, dass der Liebeszauber, der sieben Jahre auf ihm geruht hatte, nie völlig seine Kraft verlieren würde. Froh versprach er, ihren Befehlen zu gehorchen, und dann überkam ihn plötzlich Müdigkeit. Der grüne Garten mit den Einhörnern verblich. Ein weißer neben, wie fallende Apfelblüten, senkte sich vom Himmel herab.

Als Thomas erwachte, lag er im Schatten des großen Baumes, der bei Huntlie Bank stand.
Er sprang auf und schaute auf die leeren Pfade im Wald und horchte, aber kein Klang von Silberglöckchen ließ sich mehr vernehmen. Sein Besuch im Feenland, der sieben Jahre gedauert hatte, schien jetzt nichts weiter als der Traum eines Sommernachmittags.

Da sprach er zu sich: "Eines Tages werde ich dorthin zurückkehren", und dann nahm er seine Laute auf und ging nach Ercildourne zurück, neugierig darauf, was in dem Zeitraum von sieben Jahren wohl alles geschehen sein mochte, neugierig aber auch, weil er sich fragte, wie sich das Geschenk der Feenkönigin auswirken werde.
"Ich fürchte, ich werde viele meiner Nachbarn beleidigen", dachte er und musste lachen, "denn dahin wird es doch wohl kommen, wenn ich stets die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sage. Sie werden freimütigere Antworten und Meinungen zu hören kriegen, als es ihnen lieb ist, wenn sie mich um Rat fragen!"

Als er die Dorfstraße betrat, stieß eine alte Frau einen furchtbaren Schrei aus, denn sie meinte, hier sei einer von den Toten zurückgekommen. Thomas erklärte, dass er gesund und munter und wahrlich kein Gespenst sei, und mit der zeit fanden sich die guten Leute von Ercildourne damit ab, dass er nach siebenjähriger Abwesenheit wieder aufgetaucht war. Aber immer staunten sie, wenn Thomas von seinem Aufenthalt im Land der Feen erzählte. Die Kinder kletterten auf seine Knie und drängten sich zu seinen Füßen und hörten begierig zu, wenn er von den Wundern der Feenwelt erzählte, während die alten Leute mit den Köpfen nickten und sich untereinander die Namen jener zuflüsterten, die angeblich schon von der Feenkönigin fortgelockt worden sein sollten. Nie aber sprach Thomas von seinem Versprechen, wieder ins Feenreich zurückzukehren, sobald die zwei Feenboten ihn rufen würden. Thomas selbst war ziemlich erstaunt, als er merkte, dass es keinen großen Unterschied machte, ob er nun sieben Tage oder sieben Jahre aus Ercildourne fortgewesen war. Ja, an seiner Hütte musste die und das ausgebessert werden. Der Wind hatte ein paar Steine aus der Wand herausgebrochen, und der regen hatte einige Löcher in das Strohdach gefressen, die Nachbarn hatten ein paar Runzeln mehr im Gesicht und ein paar weiße Haare mehr. Aber im großen und ganzen hatte sich nach siebenmal Frühling, Sommer, Herbst und Winterstürmen nicht viel geändert.

Jeden Tag wartete er darauf, welche Wirkung nun das Geschenk der Feenkönigin haben werde. Er fand zu seiner großen Erleichterung, dass er immer noch Schmeichelworte zu der Tochter des Kleinbauern sagen und immer noch einen schwankenden Nachbarn dazu überreden konnte, eine Kuh oder ein Schaf von ihm zu kaufen.

Aber dann, eines Tages, als die Dorfbewohner über eine Viehseuche, die das Land befallen hatte, diskutierten, spürte Thomas sich von einer seltsamen Kraft dazu gedrängt, das Wort zu ergreifen.
Die Worte kamen aus seinem Mund ohne sein Zutun, und selbst erstaunt, prophezeite er, dass seine Nachbarn in Ercildourne kein einziges Stück Vieh durch die Seuche verlieren würden. Die Leute aus dem Dorf glaubten ihm, irgend etwas kam über sie, das sie einfach zwang, der Vorhersage zu glauben. Und tatsächlich bewahrheitete sie sich.
Danach machte Thomas viele Prophezeiungen, die meisten waren in Reimen. So konnte man sie gut behalten, und sie gingen von Mund zu Mund.

Immer stellte sich ihre Wahrheit heraus, und sein Ruf verbreitete sich durch ganz Schottland. Viele Lords und Grafen belohnten ihn für seine Vorhersagen und bewunderten seine Fähigkeiten. Obwohl er viele Teile des Landes besuchte und viele vornehme Leute kennenlernte, blieb Thomas dennoch stets seinem Dorf Ercildourne treu.

Mit seinem Geld baute er sich einen schönen Turm, in dem lebte er viele Jahre. Und doch, bei allem Ruhm und Reichtum, so fanden die Leute, sei Thomas dennoch kein ganz so glücklicher Mensch. In seinen Augen lag immer das seltsame Licht eines Verlangens, als könne er die Erinnerung an die Feenwelt nicht vergessen.

Jedes Jahr gab Thomas in seinem Turm in Ercildourne ein großes Bankett, zu dem alle Einwohner, die in der Nähe wohnten, geladen waren.
Es war eine solche Nacht des frohen Festes, da die Pfeifer die Füße tanzen machten und die Herzen anrührten, und in der Halle erklangen freudige Zurufe. Ale gab es so viel, wie jeder trinken wollte. Und kaum ruhten die Tänzer aus, da wurden ihre Gläser schon wieder aufgefüllt, und Thomas begann, auf seiner Laute zu spielen.
Es war während eines solchen nächtlichen Festes, dass ein Diener in die hellerleuchtete Halle gerannt kam, eine seltsame Botschaft auf den Lippen.
Sein Benehmen war derart, dass Thomas aufstand und Ruhe gebot, damit man hören könne, was der Diener zu sagen habe. Das Gelächter und die Gespräche verstummten, und in die Stille hinein sagte der Mann: "O Herr, ich habe etwas höchst Seltsames gesehen. Aus den Bergen kommen eine milchweiße Hirschkuh und ein milchweißes Rehkitz die Straße herab."

Wahrlich seltsam. Denn gewöhnlich wagte sich keines der Tiere aus dem Wald bis in die Nähe des Dorfes. Außerdem: Wer hatte je von einer milchweißen Hirschkuh und einem milchweißen Rehkitz gehört?
Die Gäste, Thomas allen voran, rannten auf die Straße, und ihr Staunen wuchs noch mehr, als sie sahen, dass die beiden Tiere sich überhaupt nicht um die Menschenmenge kümmerten und im Mondlicht weiter näher kamen.
Und Thomas wusste, dass dies die beiden Feenboten der Königin waren. Freude überkam ihn, und er lief von seinem Turm fort.
Die beiden Tiere nahmen ihn in die Mitte, und langsam verschwanden Mann und Tiere im dunklen Wald.

Wie die Feenkönigin versprochen hatte, brachte die Gabe des Prophezeiens Thomas großen Ruhm, und noch heute hört man seine Worte und Reime.

(Schottisch-keltisches Märchen)