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„ Zickerickik, König bin ik “

Ornithologie vom

Aufgeregt zeternd schlüpft ein kleiner brauner Vogel mäusegleich durch den alten Brennnesselwald am Eingang des Brunstales. Viel zu flink um ihn mit dem Fernglas zu erwischen. Dann wechselt er, geradlinig und schnell fliegend, die Wegseite und turnt behände in der zerschmetterten Krone einer umgebrochenen Buche. Jetzt erst hält er kurz inne: es ist ein Zaunkönig. Der Pfutschkünig, wie ihn die Kärntner nennen, ist meistens in Bewegung. Der kleine Körper braucht viel Energie, besonders jetzt in der kalten Jahreszeit. Kleinste Ritzen und Spalten werden nach Kerbtieren durchsucht. Er schafft es, sich den ganzen Winter von Insekten zu ernähren. Kein Versteck ist vor ihm sicher. Der verhältnismäßig lange gebogene Pinzettenschnabel erreicht überwinternde Käferlarven, Schmetterlingspuppen und Spinnen unter der Borke.
Totholz kommt ihm dabei sehr gelegen. Hinter der oft nur noch lose sitzenden Hülle der modernden Baumstämme leben auch bei Frost und Schnee immer noch Insekten.
Unzählige Geschichten und Mythen werden dem winzigen, kaum 10 Gramm schweren Zwerg angedichtet, negative wie positive. Je nach Art des Gesangs kann sein Erscheinen in Frankreich Glück oder Unglück für ein Haus bringen. Ein toter Zaunkönig an Bord soll Schiffe vor allem Unglück bewahren. Glück im Spiel bringt eine Zaunkönigfeder in der Tasche, aber Unwetter, wenn ein Zaunkönig in Erdhöhlen schlüpfe.
Der Zaunkönig ist der einzige Vertreter einer sonst nur in Amerika verbreiteten Vogelfamilie. Vielleicht erscheint er uns deshalb so eigenartig. Sein lauter Gesang ertönt von Frühjahr bis Herbst, zuweilen auch an sonnigen Wintertagen, selbstbewusst vorgetragen von einer erhöhten Warte.
Abwechslungsreiche Wälder, Parks und Gärten mit Zwergsträuchern, Kräutern, Reisighaufen und Farnen sind sein Lebensraum. So unterschiedlich sein Lebensraum sein kann, so vielfältig ist auch der Standort des Nestes: in Wurzeltellern und Steinhaufen, in Stockausschlägen, an und in Bauwerken wie Hochsitzen oder Wanderhütten und sogar in längere Zeit ungenutzten Maschinen. Der rundliche Bau aus Moos und Blättern brachte ihm auch den Namen Backofenkröffer ein. Aus mehreren vom Männchen angefangenen Nestern wählt das Weibchen eines aus, wo in den folgenden vier Wochen Brut und Aufzucht der Jungen erfolgen. Ein Männchen ist nicht selten mit 2-3 Weibchen gleichzeitig verpaart. Im August endet die Brutperiode, ab September geht es in erster Linie ums Fressen. Ein kleines Fettpolster an Brust und Bauch kann helfen, die langen, eisigen Nächte bis zum Frühjahr zu überstehen. Auch Schlafgemeinschaften mehrerer Zaunkönige in Baumhöhlen oder Nistkästen sind bekannt geworden.
Trotz allem können kräftige Winter den Bestand deutlich schwächen.
Auch Hauskatzen und fehlende Gebüsche können den kleinen König aus seinem Gartenreich verdrängen.
Im „Urwald“ des Hainichs gehört er zum Glück zu den häufigen Brutvögeln.

Cornelia Otto-Albers

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