Einzelansicht

Nebelstimmen

Ornithologie vom

Ein grauer feuchter Schleier liegt den ganzen Tag über dem Steinberg. An den Gräsern, Ästen, Beeren und Dornen bilden sich kleine und größere Wasserperlen.Bei jeder Berührung mit Ärmeln und Knien saugen sie sich in das Gewebe. Bald sind die Hosenbeine naß und schwer.
Die Augen suchen vergeblich nach bekannten Waldecken, markanten Einzelbäumen und Schneisen. Heute sind sie in einer märchenhaften Nebelwelt abgetaucht.
Die Augen allein sind heute nicht gefragt, Erlebnisse nicht nur an das Sehen gebunden. Vielleicht ein Dutzend Vogelstimmen dringen in kürzester Zeit an die nun besonders sensiblen Ohren.
Aus den Gebüschen klingelt das helle „gickgickgick“ der Grünfinken.
Überfliegende Wacholderdrosseln schackern und schnarren, dazwischen sind einige zarte, hohe „zirr“- Rufe der Rotdrosseln zu vernehmen. Beide Arten sind in den Wintermonaten oft gemeinsam unterwegs. Die Vergesellschaftung erhöht den Schutz vor Feinden.
Die pfeifenden Fluggeräusche von Kolkraben kreuzen den Weg, ein tiefes „kro“ bestätigt die Artzugehörigkeit.
An einer großen Wühlstelle der Wildschweine konnte im Sommer eine Gruppe Karden den Kampf mit dem dichten Gras gewinnen. Die trockenen Blütenstände tragen noch genügend Samen. Mit hektischem „stiglitt“ flüchtet eine Schar Stieglitze, die im Nebel den herankommenden Menschen erst spät bemerken.
Am Rand einer kleinen Jungwaldinsel, die nur schemenhaft gegen den Horizont zu erahnen ist, schnurren Schwanzmeisen. Doch sie sind nicht allein. Kohl- und Blaumeisen sind ebenfalls aus dem Schwarm herauszuhören. Das kurze helle „pink“ der Kohlmeisen und die dünnen zwitschernden Rufe der Blaumeisen halten die Gruppe zusammen. Ein auffälliges kräftiges „zjä“ verrät auch die Anwesenheit der zierlichen Sumpfmeise.
Von Norden schallt ein gedehntes „hiäh“ durch den Nebel. Am Rand des Siechenholzes wartet wohl ein Mäusebussard geduldig auf bessere Sicht auf die im Kraut huschenden Erdmäuse.
Einige Schritte weiter sind vorrüberfliegende Goldammern an ihren „zick“, „sräck“ und „zjürr“-Rufen zu identifizieren. Auch Ammern gesellen sich im Herbst und Winter zu kopfstarken Schwärmen zusammen. Mit Feldsperlingen und Grauammern tauchen sie dann an Fütterungen, Getreidespeichern und Viehställen auf, um verstreute Sämereien aufzulesen.
Gegen Mittag ist die Nässe auch in die Tiefen der Gummistiefel und die Kälte in Arme und Beine vorgedrungen. Höchste Zeit in eine warme Stube zurückzukehren.
Mit Sonne ist heute nicht mehr zu rechnen.

Cornelia Otto-Albers

0361/57 3914 008