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Vier Ohren – zwei zum Hören, zwei zum Sprechen

Ornithologie vom

Herbst und Winter treiben viele Vogelarten näher an menschliche Behausungen. Das Nahrungsangebot der Ortschaften sichert manchem Vogel das Überleben.
Besonders beeindrucken uns Schwärme, noch dazu wenn sich seltene oder ansonsten heimliche Arten zusammenfinden und sich plötzlich ohne besondere Scheu dem Menschen präsentieren.
Zu diesen eindrucksvollen Ereignissen gehören stets aufs Neue die Wintergemeinschaften der Waldohreulen.
Oft genügen wenige Bäume, meist Koniferen oder mit dichtem Efeugerank umgebene Bäume, in denen sich ab Oktober mal mehr, mal weniger Eulen einfinden.
Fast unbeeindruckt – und von vielen Menschen zunächst unbemerkt – erdulden sie hier nicht nur den Fußgängerverkehr dicht unter ihnen, sondern stellenweise auch das unablässige Brummen, Dröhnen und Klappern von Kraftfahrzeugen aller Art.
Die dämmerungs- und nachtaktiven Waldohreulen warten geduldig auf die Abendstunden, um dann auszuschwärmen und an Mülldeponien, Komposthaufen, Agrarbetrieben, in Gärten und Parks nach Mäusen Ausschau zu halten.
Auch schlafende Kleinvögel wie Sperlinge und Finken sind vor ihnen nicht sicher.
Um ihre Beutetiere ausfindig zu machen, haben Eulen ein äußerst feines Gehör entwickelt, mit dem sie das Rascheln der Mäuse nicht nur Hören sondern auch Entfernung und Richtung so exakt bestimmen können, daß erfolgreiche Angriffe auch ohne direkten Sichtkontakt möglich sind.
Der Gehöreingang liegt unter dem äußeren Augenrand hinter dem Gesichtsschleier, der Geräusche wie ein Parabolspiegel auffängt. Aus der zeitlichen Differenz des Auftreffens der Laute und der unterschiedlich wahrgenommenen Intensität am rechten und linken Ohr werden Rückschlüsse auf die genaue Position des Beutetieres gezogen. Dabei reicht schon eine Zeitdifferenz von wenigen Hunderttausendstel Sekunden. Um den Effekt zu optimieren haben Waldkauz und Waldohreule zusätzlich unterschiedlich ausgerichtete Hautfalten vor dem Ohr ausgebildet.
Eine noch extremere Anpassung stellen die bereits im Schädelknochen angelegten asymmetrischen Ohreingänge dar, wie sie z.B. bei Habichts- oder Raufußkauz zu finden sind.
Namensgebend für die Waldohreule sind allerdings die Federohren. Sie stehen in keinerlei Verbindung zum Hören. Als besonderes Merkmal dieser Art finden sie Ausdruck in vielfältigen regionalen Bezeichnungen: Harnule in Westfalen, Hörneül im Elsaß oder Kleine Horneule in Deutschland.
Sie sind jedoch nicht bloßer Schmuck sondern wichtiges Inventar der Mimik – ein lautloses Verständigungsmittel. Diese Zeichensprache aus Ohren aufstellen oder anlegen, Augen zusammenkneifen oder weit öffnen, Kopfgefieder eng anlegen oder weit und rund aufplustern beherrschen bereits junge Eulen im Nest, wenngleich die Dunenpuschel auf dem Kopf die späteren Federohren nur erahnen lassen.
Wintergemeinschaften haben oft eine lange Tradition und können sich aus Vögeln unterschiedlichster Herkunft zusammensetzen. Nach Beringungsergebnissen treffen hier heimische Vögel auf russische, norwegische oder lettische Kollegen wobei es gelegentlich zu festen Liebesbeziehungen kommen soll, die zur Auswanderung einzelner Eulen führen kann.
Der Steinberg und der Kindel im Nationalpark Hainich sind empfehlenswerte Beobachtungsorte, wo ganzjährig Begegnungen mit Waldohreulen möglich sind.
Wintergesellschaften kann man derzeit z.B. in Bad Langensalza oder Herbsleben finden.

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Cornelia Otto-Albers

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