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Märchenhafter Hainich-Wald

Wanderungen im Nationalpark Hainich (Thüringen)

 

Im Jahre 2002 schrieb ich einen Bericht für diese Zeitschrift und eröffnete ihn mit folgenden Worten:

„So, wie es sich für eine Märchenerzählerin gehört, könnte ich meinen Bericht ganz märchenhaft beginnen: `Es war einmal eine Berliner Märchenerzählerin, die liebte den Wald, die Natur über alles. Aber vorerst erzählte sie davon nur in ihren Märchen und sie machte eine Naturpädagogik-Weiterbildung, um die Menschen irgendwann ganz märchenhaft in den Wald führen zu können. Eines Tages las sie in einer Zeitschrift von einem lang vergessenen, wundersamen Wald und begann zu träumen… und ein halbes Jahr später bekam sie „zufällig“ eine Projektausschreibung in die Hände, wo genau für diesen Wald jemand gesucht wurde, der die Mythen und Märchen des Waldes für die Menschen aufbereitet! Sie bewarb sich und bekam den Auftrag…`.“

Ja, und damit begann eine wahrhaft glückliche „Beziehung“, die nun schon 11 Jahre andauert! Seit 2001 bin ich als Märchenerzählerin im Nationalpark Hainich unterwegs, in diesem herrlichen Wald, der mich vom ersten Augenblick an faszinierte. Viele Jahre schlief der große Buchenwald einen Dornröschenschlaf, umgeben von deutschen und russischen Truppenübungsplätzen, um sich nach Abzug des Militärs den staunenden Menschen in prachtvoller wilder Schönheit zu präsentieren – eine Schönheit, die sich ohne menschliche Eingriffe entfalten durfte, wie die Natur es vorsah! Ein Märchenwald, wie er im Buche steht: nicht süßlich-romantisch wie ein Walt-Disney-Film, sondern ursprünglich-lebensvoll wie ein Grimmsches Märchen, tiefgründig wie alte Mythen. Der „Urwald“ im Herzen Deutschlands lässt uns erahnen, wie unseren Vorfahren zumute war, die ihre Göttinnen und Götter in heiligen Bäumen und Hainen (HAIN-ich!!!) verehrten. Sie wussten sich eins mit dem Kreislauf von Leben und Tod, wie er uns Heutigen im Bild des Urwalds wieder vor Augen tritt.

Volksmärchen und Sagen erzählen von diesen ewigen Themen der Menschheit, ihre Heldinnen und Helden erleben den geheimnisvollen, manchmal bedrohlichen, immer aber verwandelnden Zauber des Waldes, der sie reifen und wachsen lässt, der sie nährt und beschützt.

Das Bild des ungestört sich entwickelnden Urwaldes rührt an die Wurzeln unseres Seins, ruft etwas wach in den Tiefen unserer Seele – so wie ein Märchen etwas anrührt in uns, was vielleicht lange geschlafen hat. Was lag also näher, als den ganz irdischen Wald mit den „unirdischen“ Märchen wieder zusammenzubringen und den Menschen erlebbar zu machen, dass beide Teile eines Ganzen sind?!

So ergriff ich die Gelegenheit, um im Hainich, neben Märchenwaldprogrammen für Kinder, auch Märchenwanderungen für Erwachsene anzubieten. 2 bis 3 Stunden führe ich die Menschen durch den Wald, um an bestimmten geeigneten Stellen Märchen zu erzählen sowie auch allerlei drumherum. Eine dieser thematischenWanderungen – „Die Mythen und Märchen des Waldes und seiner Bäume“ – möchte ich hier etwas näher beschreiben.

Unter kundiger Führung eines Rangers durften wir bei dieser Wanderung den eigentlichen „Urwald“ abseits der Wege betreten. Schon allein das ist ein besonderes Erlebnis für die Besucher, aber ich wollte ihnen dabei auch den Weg des Märchenhelden durch den Wald sinnlich nahe bringen. Ich wollte sie aus unserer „reichen“ und doch so verarmten Zivilisation zurück zu unserem Ursprung, in die Tiefe des Waldes, an die Quelle des Lebens führen, so wie der Märchenheld oft aus Not und Mangel in den Wald gerät, um dort Hilfe, Wandlung, Heilung zu erfahren.

Viele Märchen beginnen an einem Waldrand – und so begann auch ich die Wanderung am Waldrand, wo ich das russische „Märchen von der schlanken Birke“ erzählte. In diesem Märchen leben die Helden vom Wald, die Birke schenkt ihnen auf magische Weise alles, was sie zum Leben brauchen, es ist, als ob noch etwas lebendig geblieben ist von der alten Beziehung des Menschen zu den Baumgöttinnen. Aber durch unersättliche Gier zerbricht diese Nabelschnur, die Helden verlieren ihre Menschlichkeit, verschwinden als Bären im Wald. Für mich versinnbildlicht dieses Märchen unsere heutige gesellschaftliche Situation: entwurzelt, entmenschlicht – auf der Suche nach Erlösung. Zeit, um sich auf den Rückweg zu machen… Durch einen ehemaligen Nutzwald, an entwurzelten Bäumen entlang, führte ich nun die Besucher an den Rand des weglosen Urwalds. Ein gebogener Baum symbolisierte das Tor zu einem anderen Bereich – ich bat die Menschen um einen schweigenden, bewussten Eintritt in einen neuen, heiligen Raum – und erzählte dann das Märchen „Die Alte im Wald“. Die Heldin des Märchens wird ja auch aus ihrem gewohnten Dasein herausgerissen, sucht nach Wegen und bekommt im Wald Kontakt zu einer ganz anderen Wirklichkeit, um letztendlich ihre Ganzheit zu er-RING-en.

An dieser Stelle berichtete ich auch von den Initiationsriten unserer Vorfahren und der Naturvölker, denn die „Alte im Wald“ ist für mich ein Nachhall dieser alten Mysterien.

Nun ging der Weg durch die Wildnis direkt in das Herz des Waldes, dort, wo riesige Eschen in den Himmel ragen, mit ausladenden Wurzelstöcken, die mitunter wie ein Thron oder Schoß geformt sind und wo viele Höhlen Eingänge in unterirdische Gnomenwelten erahnen lassen. Hier in der Stille, wo es keine Zivilisationsgeräusche mehr gibt, hier in den ehrfurchtgebietenden heiligen Buchenhallen, erzählte ich von der Verehrung der Götter in Hainen und einzelnen Bäumen, erzählte von der Weltenesche Yggdrasil, von der Großen Mutter, vom Ursprung unseres Seins: „Hier wohnt ein jeder frei!“ – und ich erzählte das Märchen „Jorinde und Joringel“, während die Abendsonne hell ins dunkle Grün des Waldes schien…

Ein Stück weiter, an einem mit Pilzen bewachsenen Totholzbaum folgte das Märchen „Die drei goldenen Haare“ (aus „Die Wolfsfrau“ von C.P.Estes), in dem der alte Mann im finsteren Wald einer uralten Frau an einem Feuer begegnet, in ihrem Schoß gewiegt wird, bis er wieder zu einem Knäblein geworden ist und als Sonne gen Himmel fliegt. Der Kreislauf des Lebens und des Todes, von Nacht und Tag…der uns umgebende Wald zeigte es uns in all seinen Aspekten, in aller Fülle und Wuchskraft. Ein Mensch, der das erfahren hat, kehrt gestärkt und geheilt von „Großmütterchen Immergrün“ in den All-Tag zurück – und so stellte ich dieses Märchen auch an den Schluß der Wanderung, nachdem wir wieder am Waldrand versammelt waren.
Die Resonanz auf diese Wanderungen war unglaublich: nicht nur, dass sehr viele Menschen kamen (auch auf Grund von positiven Presseberichten), sondern mein Konzept schien aufzugehen: viele Besucher erzählten mir, dass sie den Wald auf einmal mit ganz anderen Augen gesehen und erlebt hätten. Die Atmosphäre gerade der ersten dieser Wanderungen wird wohl allen Beteiligten unvergesslich bleiben: ein heißer Augustabend, ein magisches Licht, eine zauberhafte Leichtigkeit des Seins, ein Getragensein von den Märchen und dem herrlichen Wald…

Für mich ist schon die Vorbereitung dieser Wanderungen eine große Freude: mich von der Natur inspirieren lassen, mich mit entsprechenden Märchen und auch Sagen der Gegend , mit den Mythologien von Pflanzen und Tieren zu beschäftigen und alles in einen sinnfälligen Zusammenhang zu bringen. Ich glaube, letzteres ist sehr wichtig: nicht irgendwelche Märchen aneinanderreihen, sondern sie einbetten in die Gegebenheiten der Landschaft, der Mythologien; sich ein geistiges Fundament erarbeiten, von welchem aus dann die Märchen lebendig werden. Die Zuhörer merken das, selbst wenn man niemals alles in Worte kleiden kann.
Ein weiteres großes Thema im Hainich war und ist für mich die Gestalt der Frau Holle, zu welcher ich ebenfalls thematische Wanderungen anbot. Und sie wurde die „Schirmherrin“ des „Feensteiges“, eines MärchenNaturPfades, den ich konzipieren durfte! Wie er entstand, ist fast ein Märchen für sich…..hier nur so viel: Im Kreis von 14 Märchenstationen können die Besucher selbst in die Rolle eines Märchenhelden schlüpfen und das „Geheimnis des Hainich-Waldes“ ergründen. Vom Täubchen mit dem goldenen Schlüsselchen („Die Alte im Wald“) geführt, findet sich der „Verborgene Schatz“ in einem „Zauberspiegel“…….Seit 2005 erfreut der „Feensteig“ nun schon die Wanderer – oder ärgert ihn, je nach dem, welchen Schatz er sich erhofft. Für mich ist er mein „Lieblingskind“, das mich immer wieder überrascht, wenn sich auf einmal inhaltliche Tiefen eröffnen, die ich vorher gar nicht gesehen hatte – so wie im wahren Märchen auch…..oder im „richtigen Leben“.
Ja, und dann die vielen hundert Kinder, die ich in den Wald oder über den „Feensteig“ führen durfte! Am Anfang hatte ich ja etwas Angst vor den Kindergruppen, aber im Laufe der Zeit machte ich mit ihnen die beglückendsten Erfahrungen. Welche Freude, wenn Kinder, die sonst keine Gelegenheit haben, im Wald zu sein, am Ende eines Programms feststellen: „Im Wald ist es so schön!“ Und ganz „nebenbei“ durfte ich selbst meine kindliche Spielfreude wiederentdecken! Für all das bin ich sehr dankbar.
Falls Sie Lust bekommen haben auf den märchenhaften Urwald in der Mitte Deutschlands – der gerade den Titel „Weltnaturerbe“ bekommen hat! -, schauen Sie doch einfach hier mal rein: www.nationalpark-hainich.de. Dort finden sich auch „Briefe aus dem Hainich-Märchenwald“.
Übrigens: Im Englischen heißen Naturschutzgebiete „sanctuary“ – „heiliger Raum“! Diesen „heiligen Raum“ u.a. wieder mit Märchen füllen: das ist für mich echter „seelischer Naturschutz“!

Monika Radha Hickstein

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