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Horstkontrollen mit Hindernissen

Ornithologie vom

Ende Mai bis Mitte Juni ist wohl die Hauptsaison des Greifvogelberingers. Bekannte Horstplattformen müssen auf ihre Besetzung kontrolliert und hier und da auch noch neuen Hinweisen nachgegangen werden. Alles drängt sich auf eine verhältnismäßig kurze Zeit. Oft ist die Arbeit eine schweißtreibende Angelegenheit – im Eilschritt von Horst zu Horst, gegebenenfalls den Baum ersteigen, Junge beringen, Daten erfassen, den Baum wieder herunter und auf zum nächsten Ziel. Sommerliche Temperaturen und der Rucksack mit der Kletterausrüstung tun das Übrige.

Als ich dieser Tage noch am späten Nachmittag eine solche Runde zwischen Dachsberg, Käsewiese und Totenkopf drehte, kehrte ich nach drei Stunden erfolglos zum Auto zurück. Die Stimmung war nicht gerade euphorisch, hatte ich mir doch in diesem Jahr die Beringung junger Mäusebussarde auf mindestens 10 Horsten vorgenommen. Ich war gerade bei der Hälfte und hatte fest mit weiteren besetzten Nistplätzen gerechnet.

Das nasse T-Shirt klebte an Bauch und Rücken, in den alten Gummistiefeln, die ich zum Klettern mit Steigeisen anziehe, schien es zu kochen, obwohl sich an den Innenseiten des Fußteiles einige Risse immer weiter ausdehnten. Bei offener Heckklappe hatte ich mich schnell des Oberteils entledigt. Dummerweise stand als Ersatz nur die alte Jacke ohne Knöpfe und mit allerlei Harzflecken zur Verfügung. Immerhin funktionierte der Reißverschluß noch. Im Auto würde mich bis nach Hause ja niemand aus der Nähe betrachten.

Fertig. Heckklappe zu. Wo war doch gleich der Autoschlüssel??

Da dieses Auto keine Zentralverrieglung besitzt, müssen die Türen einzeln aufgeschlossen werden. Dies hatte ich bisher jedoch nur bei der Heckklappe getan, welche mit typischem Geräusch vor wenigen Sekunden zielsicher eingerastet hatte.

Mein Autoschlüssel lag sichtbar aber unerreichbar neben Fernglas und Rucksack im Kofferraum.

Eigentlich war mir sofort klar was das bedeutete, in der Hoffnung auf ein Wunder rüttelte ich jedoch zunächst an allen verfügbaren Türen. Ich konnte die Tatsachen nicht länger verdrängen: Ich stand 11 Kilometer von zuhause, ohne Handy und ohne angemessene Oberbekleidung im Urwald! Auch die sonstige Anzugsordnung war nicht gerade gesellschaftsfähig.

Kurzzeitig spielte ich mit dem Gedanken, eine Autoscheibe zu opfern.

Ich entschloß mich dann aber doch, Richtung Jugendherberge am Harsberg aufzubrechen und dort ein Fahrrad zu leihen.

Eine dritte Hoffnung waren andere Nationalparkbesucher. Doch nach 18 Uhr werden solche Begegnungen eher selten. Aber tatsächlich: schon nachdem ich nur 100 Meter gegangen war, rauschte von hinten ein Fahrradfahrer heran. Ich versuchte ihn mit einem Handzeichen und schmeichelnder Stimme zu stoppen. Der Satz war jedoch noch nicht beendet, als ich nur noch seinen Rücken sah.

Wer sucht nicht schnell das Weite, wenn ihm eine zerzauste, bärtige Gestalt mit laubverklebtem Haar, in ausgebeulter Arbeitshose, Stiefeln und mit einer etwas zu langärmligen Kutte in den Weg tritt und verdächtig nah zu kommen droht.

Ich machte wohl den Eindruck eines eben aus seiner Erdhöhle gekrochenen Biestes, welches sich im Schutz des abendlichen Waldes auf Nahrungssuche begab.

Wenig später passierte ich die knorrige Eiche am Ihlefeld. Am dortigen Imbiß war ebenfalls schon Ruhe eingekehrt und demzufolge keine Chance auf vorzeitige Hilfe.

So ging es denn in schnellem Schritt auf der Hohen Straße Richtung Harsberg. Unter der halb geschlossenen Jacke liefen kleine Bäche über Bauch und Rücken. Irgendwann war es nicht mehr auszuhalten und der Umhang wurde ganz geöffnet. So halb entkleidet erreichte ich dann auch nach endlos erscheinenden drei Kilometern die Schranke, die das Ende des Nationalparks markierte und damit die Rettung in greifbarer Nähe verhieß. Erst hier kamen mir nochmals zwei Radler entgegen, die zu erschrecken sich jetzt aber auch nicht mehr lohnte.

Ich passierte zunächst einige zwischen Bleiben und Wegrennen schwankende Gäste der Jugendherberge, bevor ich den Eingang des Gebäudes betrat.

Mit den Worten: „Ich bin nicht so gefährlich, wie ich aussehe“ begann ich der Dame an der Rezeption mein Problem darzustellen und war schon mal ganz zufrieden, keine Fluchtreaktion ausgelöst zu haben. Mein Wunsch nach einem Fahrrad wurde ohne Zögern erfüllt. Nach kurzer Suche war auch der Standort der Zweiräder ausfindig gemacht und ein scheinbar intakter Drahtesel gewählt.

Mit drei Gängen und einem Gefühl der Erleichterung ging es zurück Richtung Betteleiche, doch schon am ersten Anstieg, den ich mit kräftigen Tritten in die Pedalen meistern wollte, verabschiedete sich die Kette und die Energie ging ins Leere. Mir schwante Böses, denn noch standen einige Hügel aus.

Schnell das Rad auf den Kopf gestellt, den ölig-fettigen Antrieb wieder in die richtige Bahn gebracht und weiter – nun auch noch mit mehr oder weniger schwarzen Händen. Unterwegs wechselte die Gangschaltung noch einige Male unaufgefordert die Frequenz, sodaß man plötzlich vom munteren Trab in den schweren Geländeantrieb verfiel, aber ansonsten näherte ich mich unaufhaltsam dem Ziel.

Auf der schnurgeraden, abschüssigen Mülverstedter Chausse erreichte die Geschwindigkeit beängstigende Ausmaße, zumal im Halbdunkel des Buchenwaldes die Löcher im alten Asphalt stets erst in letzter Sekunde erkennbar waren und der Lenkapparat des Fahrrrades in deutliche Schwingungen geriet. Einen Radler, der gemütlich auf der linken Wegseite Richtung Fuchsfarm strebte, passierte ich so ohne Vorwarnung rechts. Er ist wohl mit dem Schreck davon gekommen.

Wenig später war ich zuhause, ein Auto konnte schnell organisiert und mit dem Reserveschlüssel der Panda geborgen werden. Es folgte noch der Rücktransport des Fahrrades zur Jugendherberge inklusive Vorstellung des in die Zivilisation zurückgekehrten Waldschrates.

Kurz nach 22 Uhr ging dieser erlebnisreiche Nachmittag im Hainich zu Ende.

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