Einzelansicht

Die Terrassenspecht-Bande

Ornithologie vom

Der Buntspecht hat die "Essensausgabe" fest im Blick. Foto: Achim Blank

Farblich abgestimmt auf die Gestaltung der Holzkohletüte sitzt das Buntspecht-Weibchen ruhig an einem Pfosten der Terrasse. Doch der Eindruck trügt. Sie verfolgt sehr genau das Treiben der anderen Vögel, insbesondere das ihrer vier Artgenossen, an der Fütterung im Hof. Dem mit Fettfutter gefüllten Tontopf gilt das größte Interesse. Kaum macht sich eine Kohlmeise oder ein Sperling daran zu schaffen, startet sie einen Scheinangriff. Dabei genügt es, dass sie schwungvoll dicht an ihrem Konkurrenten vorbei fliegt, der daraufhin erschrocken das Weite sucht. Natürlich profitiert gleich der nächste hungrige Gast vom freiwerdenden Platz an der Theke. Aber auch dessen Vergnügen währt nicht lange, denn die wachsame Dame an der Essensausgabe erlaubt ihm maximal ein bis zwei Happen.

Die heftigsten Angriffe allerdings müssen Artgenossen erdulden. Kann man sich doch von Natur aus schon nicht wirklich leiden, zwingt die winterliche Nahrungsknappheit zu einer gewissen Annäherung. Aber von einem Gabentisch gleichzeitig zu fressen, ist für zwei oder drei Spechte schier undenkbar. Selber fressen macht fett – und sichert einen guten Start in die kommende Brutsaison.

Gleichermaßen denken aber auch die anderen vier Buntspechte, zwei Männchen und zwei weitere Weibchen, die derzeit an der Fütterung im Dorf versammelt sind. Irgendwann jagt jeder jeden, alle betrachten einen Futterplatz als den Ihren. Zwei Fettfuttertöpfe gibt es und das geht bei Fünfen eben nicht ganz auf. Und selbst wenn: es könnte ja beim Nachbarn was Besseres geben. Wer vom Schmalztopf nichts abkriegt, muss mit Sonnenblumenkernen vorlieb nehmen. Auch ganz ok - wäre da nicht die lästige Schale. Um sie zu entfernen nutzen Spechte sogenannte Spechtschmieden, in denen Objekte zur weiteren Bearbeitung eingeklemmt werden können. Die hölzernen Pfosten der Terrasse kommen da gerade recht. Ein kleiner Riss im Balken lässt sich wunderbar erweitern. Jeder braucht natürlich wieder seine persönliche Schmiede und Verschleiß gibt es selbstverständlich auch. Also muss regelmäßig an einer neuen Stelle gezimmert werden.

Und so hängen sie nun alle fünf an den Terrassenpfosten, den Hofbäumen oder an den Fachwerkbalken, tuen gleichgültig, lassen dabei aber nichts und niemanden aus den Augen und müssen ihre innere Anspannung regelmäßig durch Wutausbrüche und Nahkampfattacken abbauen.

Achim Blank

Kontakt

Ansprechpartner_in

Cornelia Otto-Albers

0361/57 3914 008